Liebe Gemeinde,
Herbstzeit ist Erntezeit. Die Felder werden abgeerntet, das Obst und Gemüse werden reif und die Scheunen füllen sich. Die Früchte des Jahres und der eigenen Hände Arbeit werden sichtbar. Haben sich die Mühen gelohnt? Brachte die nötige Pflege & Liebe, das Gießen & Jäten den erhofften Ertrag? Wie werden wohl die selbst angebauten Früchte schmecken?
Der Monatsspruch für den September lädt passend dazu zu einem bewussten Innehalten und Genuss ein. Da heißt es im Buch des Predigers
„Besser eine Hand voll mit Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach Wind.“ Prediger 4, 6
Erntezeit ist Unterbrechungszeit. Der Prediger macht deutlich, dass neben der mühevollen Arbeit die Ruhe und die Pausen nicht fehlen dürfen. Dabei sind die Hände nicht mehr verkrampft, sondern offen. Sie strecken sich nicht nach dem nächsten Projekt aus oder nach der nächsten Saat, sondern sie nehmen bewusst wahr. Diese Hände spüren vielleicht noch den Stress und die Mühen der Arbeit, das verkrampfte Festhalten am Pflug, das Durchrinnen der Samenkörner durch die Fingerspitzen oder eben das Abernten am Ende eines Anbaujahres. Jetzt aber öffnen sie sich. Die Anspannung ist vielleicht noch da, doch mit den ruhigen Stunden darf sie langsam weichen.
Die Hände lassen los und dürfen empfangen.
Für mich ist das ein schöner Gedanke: Einfach mal innehalten, durchatmen und die Hände ruhen lassen. Doch oft ist das gar nicht so einfach. Der Kopf ist schon im nächsten Moment, beim nächsten Projekt, die Hände wollen noch die letzten Dinge im Haushalt oder bei der Arbeit erledigen und das Rad der Mühen dreht sich weiter. Für mich braucht es da immer wieder eine Erinnerung. So wie der Prediger mich hier erinnert: „Besser eine Hand voll Ruhe.“ Und dann versuche ich mir bewusst Zeit zu nehmen. Kurz durchzuschnaufen. Dabei schaue ich auf das bereits Erreichte. Ich sehe die Früchte der bisher getanen Arbeit und das erfüllt mich oft mit Freude und Dankbarkeit.
Daran erinnert uns jedes Jahr auch das Erntedankfest. Denn Erntezeit ist Freudenzeit. Wenn unsere Hände offen und ruhig sind, nehmen sie auch das Empfangene stärker wahr. Sie werden offen für das, was Gott uns schenkt und in unser Leben legt. Nicht als das, was wir selbst tun, sondern was er wachsen und gedeihen lässt.
„Besser eine Hand voll mit Ruhe“, so sagt der Prediger. Wenn Sie mögen, lade ich Sie herzlich zu einer kleinen Unterbrechung mit folgender Meditation ein:
Setzen Sie sich bequem und aufrecht hin. Atmen Sie dreimal ganz tief ein und aus. Nehmen Sie die Ruhe im Raum wahr. Vielleicht hören Sie das Ticken der Uhr, den Straßenlärm vor dem Fenster oder spüren noch das Gedankenkarussell. Lassen Sie los. Lassen Sie die Gedanken ziehen. Nehmen Sie sich bewusst Zeit.
Schauen Sie auf Ihre Hände. Welche Linien und Feinheiten können Sie wahrnehmen? Sehen Sie Narben oder Wunden? Wie fühlen sich Ihre Hände an? Sind sie angespannt oder locker, verkrampft oder ruhig? Was haben Ihre Hände schon bewegt? Wo haben sie überall angepackt? Wofür sind Sie dankbar?
Schließen Sie nun gern die Augen. Nehmen Sie sich selbst, Ihre Hände und die Stille um Sie herum bewusst wahr. Verweilen Sie einige Minuten in dieser Ruhe.
Wenn Sie die Augen wieder öffnen, können Sie die Stille mit einem eigenen Gebet beschließen oder die folgenden Worte sprechen:
Guter Gott, danke für meine Hände. Danke, dass ich mit ihnen so vieles anfassen, gestalten und bewegen darf. Schenke mir Ruhe. Schenke mir Erholung. Sei du mir nah. Amen.
Ich wünsche Ihnen Hände voll Ruhe und Dankbarkeit und eine gesegnete Erntedankzeit.
Ihr Vikar Tobias Haueis

