Liebe Gemeinde,
manchmal ist mir einfach zum Heulen zumute: bei einem emotionalen Film oder beim Blick auf die ersten Fotos unserer Tochter. Manchmal ist der innere Druck zu groß, die Emotionen haben sich angestaut. Nur das Rollen der Tränen kann dann noch Linderung verschaffen. Tränen gehören zum Menschsein dazu. Sie reinigen die Augen und schaffen unserem Seelenschmerz Luft. Tränen der Überforderung, Tränen der Trauer und des Abschieds, aber auch Freudentränen und Tränen nach langem herzhaftem Lachen. In ihnen spiegelt sich unser Leben mit allen Höhen und Tiefen.
So heißt es im Monatsspruch für März (aus Joh 11,35):
„Da weinte Jesus.“
Jesus weint. Offen heraus, überwältigt von seiner Trauer. Sein Freund Lazarus ist tot, und Jesus steht vor dem Grab – mitten unter den weinenden Schwestern und der trauernden Gemeinde. Es ist eine von zwei Stellen in den Evangelien, in denen Jesus weint. Und ausgerechnet hier, wo er doch gleich ein Wunder tun wird, brechen zuerst seine Tränen hervor.

Foto: Peter Weidemann
in Pfarrbriefservice.de
Oft stellen wir uns Jesus als einen dar, der über allem steht: Er kommt, sieht und heilt, treibt Geister aus, diskutiert mit den Klugen seiner Zeit. Aber hier zeigt er sich verletzlich. Er hält den Schmerz nicht auf Abstand, sondern lässt ihn an sich heran. Das macht mir Mut: Glauben heißt nicht, immer stark sein zu müssen. Christlicher Glaube kennt Tränen. Er nimmt sie ernst, verurteilt und versteckt sie nicht.
Vielleicht kennen Sie solche Momente, in denen die Tränen kommen – nach einer Nachricht, die alles verändert; am Grab eines geliebten Menschen; wenn eine Beziehung zerbricht; wenn die eigenen Kräfte nicht mehr reichen. Manchmal schämen wir uns dafür. „Reiß dich zusammen“, hören wir – von anderen oder von uns selbst. Jesus schämt sich nicht. Er weint öffentlich. Seine Tränen zeigen: Was hier geschieht, geht ihm ans Herz.
Doch die Geschichte bleibt nicht beim Weinen stehen. Jesus spricht das Wort, das alles verändert: „Lazarus, komm heraus!“ Die Tränen sind kein Schlusspunkt, sondern Teil eines Weges, auf dem Gott Neues schenkt. So werden sie zum Zeichen: Gott bleibt nicht fern von unserem Leid, er geht mit hindurch und kann Leben schaffen, wo wir nur Ende sehen.
Ich glaube: Jesus steht auch heute neben uns, wenn wir weinen – am Grab, am Krankenbett, in der schlaflosen Nacht. Er sagt: „Dein Schmerz ist mir nicht egal. Ich bin bei dir.“
Ihr Vikar Christoph Möller

